Open Data: Ein Praxisbericht

Ein Interview mit den Bundesländern Brandenburg (TMB), Niedersachsen (TMN), Nordrhein-Westfalen (TNRW) und Sachsen (TMGS)

4 Bundesländer sprechen über ihre Erfahrungen beim Aufbau eines Landes- Content Hubs. „Daten sind das neue Öl“, heißt es häufig. Auch wenn diese Analogie ggf. etwas hinken mag so hat auch die Tourismusbranche erkannt, dass die Datenaggregation und -bereitstellung eine ureigene Aufgabe der Destinationen ist.

In 2020 wurden – nicht zuletzt auf Initiative der DZT – zahlreiche Projekte auf Landesebene realisiert. Wir sind stolz, mit Sachsen (TMGS), Niedersachsen (TMN), Brandenburg (TMB) und Nordrhein-Westfalen (TNRW) gleich vier Bundesländer auf dem Weg zu einem landesweiten Daten-Hub mit Anschluss an die künftigen DZT-Graph-Datenbank begleiten zu dürfen. In einer virtuellen Runde haben wir sie gemeinsam zu Motiven, Zielen aber auch ihren ganz persönlichen Erfahrungen beim Aufbau einer Landes-Datenbank befragt.

Datenbanken werden immer wichtiger: Was war eure Motivation, einen landesweiten Content-Hub aufzubauen?

Beim Aufbau einer zentralen Datenstruktur sind die Ziele in den befragten Bundesländern ähnlich: Neben der Vernetzung von Daten geht es auch darum, die Menschen näher zusammen zu bringen und Synergien zu nutzen.

TMGS: Unsere Motivation und unser Ziel ist die Schaffung von Synergien für das touristische Sachsen – sowohl auf der formellen als auch informellen Ebene. Das bedeutet, wir möchten Daten- und Systemsilos auflösen, um in Zukunft mit unseren Destinationen noch viel enger Hand in Hand arbeiten zu können, um das touristische Angebot Sachsens so noch effizienter und effektiver vermarkten zu können.

TNRW: Der touristische Data Hub NRW ermöglicht den Austausch sowie die Vernetzung von Daten innerhalb von NRW (aber auch darüber hinaus).

TMB: Unsere Motivation entsprang der Erkenntnis, dass ein wettbewerbsfähiges Engagement im Bereich Datenmanagement nur im Verbund möglich ist. Sprich: nur die Bündelung aller Ressourcen führt zu nachhaltig qualitätsvollen Daten.

TMN: Um den Tourismus in Niedersachsen zukunftsfähig aufzustellen, setzen wir den Niedersachsen Hub um. Wir verfolgen das Ziel, (…) eine Einheitlichkeit der Datenpflege zu erreichen, die Datenqualität zu steigern und die Reichweite touristischer Daten zu erhöhen. Durch diese Maßnahmen stellen wir (…) die Weichen für innovative Technologien und wappnen uns für konkrete Anwendungsfälle Künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig schaffen wir Mehrwerte für unsere touristischen Akteure: (…).

Open Data ist aktuell ja in aller Munde: Welche Rolle spielt das Thema Open Data konkret bei eurer Landeslösung?

Auch das Thema Open Data spielt bei allen Projekten eine wichtige Rolle – gerade im Hinblick auf die Vermarktung. Allerdings ist man sich bewusst, dass es kurzfristig schwierig ist, wirklich frei lizenzierte Daten von den Destinationen zu erhalten.

TMN: Offene Daten sind die Basis des gesamten Vorhabens. Nur wenn Daten in einer offenen Lizenz vorliegen, können sie ohne zusätzliche Genehmigung an Dritte weitergegeben werden, um dadurch ein bestmögliches Nutzungspotenzial ausschöpfen zu können. Wir haben aber in der Praxis festgestellt, dass noch ein großer Informations-, Diskussions- und Orientierungsbedarf zum Thema „Open Data“ besteht, der für ein ganzheitliches Verständnis aufgegriffen werden muss.

TNRW: Es ist das erklärte Ziel der Landestourismusstrategie, auf die Bedürfnisse definierter Zielgruppen (Sinus-Milieues) eingehende und für zu bearbeitende Quellmärkte passende Schaufensterprodukte zu entwickeln und zu kommunizieren. (…). Hierfür braucht es hochwertige, relevante und vor allem teilbare Inhalte. Open Data in der höchsten Stufe wird nicht kurzfristig umsetzbar sein (…)

TMGS: Wir haben erkannt, dass es nach wie vor viele Herausforderungen und Fragestellungen rund um das Thema Open Data gibt und uns noch einige Zwischenschritte bevorstehen, bis wir das große Ziel der offenen touristischen Daten erreicht haben.

TMB: Open Data ist als Vehikel größer zu denken und durch gemeinsame Datenstandards die touristischen Daten (zunächst) im DACH-Raum zu bündeln. Dies erhöht die Attraktivität des „Datenangebotes“, weil Daten einzelner Bundesländer für deutschland-, europa- oder weltweit agierende Interessenten nur bedingt attraktiv sind.

Daten gibt es viele: Wie aber stellt ihr die Vollständigkeit und Qualität der Daten sicher?

Hierbei sind sich alle Befragten einig: Die Qualität der Daten ist das entscheidende Kriterium und die Umsetzung mit viel Arbeit verbunden. Um die definierte Datenqualität sicherzustellen wird neben einer systemseitigen Qualitätskontrolle viel Aufwand betrieben

TMGS: Die Datenqualität ist eines der grundlegenden Kriterien für den Erfolg des Projekts Digitalarchitektur Sachsen. Einer der nächsten Meilensteine des Projekts wird entsprechend die finale Definition der Kriterien für vollständige und qualitativ hochwertige Datensätze sowie deren Zuständigkeiten sein.

TMB: Wir wenden verschiedene „Tools“ an, um die Datenqualität zu sichern. Dazu gehören Redaktionshandbücher, monatliche Schulungen, regelmäßige Checks sowie ein tägliches Eingabemonitoring. Gegenwärtig entwickeln wir automatisierte Prüfchecks.

TMN: Die Datenqualität unterteilt sich im Niedersachsen Hub grundsätzlich in unterschiedliche Aspekte: Quantitative Anforderungen, Qualitative Anforderungen sowie formelle Anforderungen. Sichergestellt werden soll die Erfüllung der Anforderungen durch Unterstützung der Redakteure in Form von Weiterbildung, Content-Guide und Content-Check.

TNRW: Aktuell erarbeiten wir gerade NRW-weite Datenqualitätsstandards, die von allen Regionen getragen und umgesetzt werden. (…) Wir wissen aber auch, dass Qualität nicht kurzfristig flächendeckend umsetzbar ist. Daher konzentrieren wir uns im ersten Schritt nur auf einige Datentypen und legen bei diesen die Qualitätsmaßstäbe von Beginn an sehr hoch.

Der Aufbau einer solchen Daten-Architektur ist eine Mammut-Aufgabe. Wie ist die Resonanz eurer Mitglieder?

Das Interesse an den Projekten in den jeweiligen Bundesländern ist enorm! Aber auch die zentrale Bedeutung eines zentralen Hubs wird von den Befragten unterstrichen.

TMN: Die Resonanz unserer Partner in Niedersachsen ist überwiegend sehr positiv. Wir haben regionsübergreifend ein sehr großes Interesse am gemeinsamen Vorhaben wahrgenommen. Die Bereitschaft, dabei zu sein, ist über alle Ebenen hinweg spürbar. (…) Der beiderseitige Austausch und ein guter Informationsfluss werden weiterhin zentrale Elemente und Schlüssel für eine stetige Ausweitung und Optimierung des Projektes sein.

TNRW: Uns (…) ist diese Mammutaufgabe bewusst, aber es ist uns allen auch klar, dass, sollten wir sie nicht angehen, die eigene Sichtbarkeit und Relevanz zukünftig immer weiter sinken wird – gerade im Vergleich zu den Global Playern im Tourismus.

TMGS: Wir haben unsere DMO und die touristischen Partner von Beginn an eng in die Entwicklung des Projekts eingebunden. Durch diese enge Kommunikation von Anfang an war die Resonanz sehr positiv und interessiert. Wir stehen hier nahezu täglich im Austausch und freuen uns, dass wir die bisherige enge Zusammenarbeit in anderen Bereichen und die guten Beziehungen daraus weiter intensivieren konnten.

TMB: Unser Contentnetzwerk konnte in den letzten Jahren Stück für Stück wachsen. Gegenwärtig haben wir über 400 Partner (DMOs, Orte / TIs, Leistungsträger sowie thematische Partner).

Was passiert, wenn die Daten-Aggregation abgeschlossen ist: Gibt es schon konkrete Projekte, bei denen die Daten (künftig) zur Anwendung kommen?

Das neben den eigenen Ausgabekanälen – auch abseits des touristischen Mainstreams – v. a. die Datenweitergabe an Dritte interessant ist, heben die Gesprächspartner besonders hervor.

TMGS: Erster Ausgabekanal für unsere Daten werden unsere eigene LMO-Website sowie die Frameworks unserer Anschließer sein. Hier arbeiten wir parallel zur Befüllung der Datenbank an der Fein-Konzeption unserer neuen Website. Außerdem stehen wir mit Partnern eng im Austausch, die am Framework interessiert sind. Trotzdem wird uns die Daten-Aggregation auch langfristig beschäftigen, um die Qualität und Vollständigkeit auf dem gewünschten Niveau zu halten.

TNRW: Unser Eindruck ist, dass die Nachfrage nach hochwertigen aggregierten Daten enorm ist. Wir führen bereits Gespräche mit den unterschiedlichsten Interessensgruppen, genauso wie wir eigene Ausspielkanäle und Kampagnen mit den Daten des Hubs „füttern“ möchten. (…)

TMB: Schon gegenwärtig werden über 150 regionale und überregionale Websites und Apps und 130 Lizenznehmer an Touchpoints vor Ort über das Landesweite Projekt „Mein Brandenburg“ mit den gemeinsamen Daten versorgt. Jeden Monat kommen weitere Partner hinzu. Wir sehen, dass das Thema Content-Zusammenarbeit immer mehr an Fahrt aufnimmt. Darüber hinaus engagieren wir uns im DZT Projekt zur Entwicklung eines bundesweiten Knowledge-Graphen.

TMN: Neben klassischen Verwendungsmöglichkeiten, (..), sind wir auch offen für innovative (…) Projekte. Eine landesweite PWA und ein Alexa-Skill sollen Gästen und Partnern kurzfristig Mehrwerte bieten. Darüber hinaus ist angedacht, die Daten über Reiseplaner-Apps zu distribuieren und die touristischen Daten in Verbindung mit Echtzeit-Daten, wie z. B. über Besucheraufkommen, Verkehr oder Infrastruktur zu nutzen.

Wagen wir noch einen Blick in die Glaskugel: Was sind die nächsten Schritte, die ihr auf Landesebene angehen wollt?

Unsere Kunden betonen, dass es mit der Erstellung eines zentralen Daten-Hubs nichts getan ist, sondern dass dies vielmehr ein kontinuierlicher und vielseitiger Prozess ist, der ständiger Weiterentwicklung und Optimierung bedarf!

TNRW: Sobald wir die Datenqualität harmonisiert haben, möchten wir in die Breite und Vollständigkeit gehen. Wir haben die Vision ganz NRW an einer Stelle touristisch abbilden zu können, mit weiteren Datenquellen zu verknüpfen und diese Informationen möglichst frei für jedermann verfügbar zu machen.

TMGS: Die nächsten größeren Projekte werden in der Entwicklung einer PWA und einer Newsletter-Lösung liegen. Außerdem freuen wir uns auf die nächsten Schritte in der Entwicklung des DZT Knowledge Graphen, um unsere Lösung hier erfolgreich anbinden zu können.

TMB: Gegenwärtig sind wir dabei unser System neu aufzusetzen, um die Eingabe für die Partner zu optimieren und die Daten nach den für reines Open Data notwendigen Standards zu erfassen. Zudem werden wir externe Daten in den Hub integrieren, um auch auf der kommunalen Ebene das Angebot für Touristen und Tagesgäste zu erweitern. Parallel übersetzen wir ggw. alle 14.500 POIs ins Englische, um auch unseren internationalen Gästen die besten Informationen liefern zu können.

TMN: Die Sensibilisierung der touristischen Akteure für das Thema Open Data und die theoretischen, praktischen und technischen Zusammenhänge werden wir weiterhin verfolgen. Über unser Tourismusnetzwerk bauen wir ein umfassendes Wissensnetz auf, das praxisbezogenen Support in der Open Data-Umsetzung gibt. Das kurzfristige Ziel ist es, weitere Partner an den Niedersachen Hub anzuschließen, neue Verwendungsmöglichkeiten der Daten zu identifizieren und Kooperationen herzustellen, damit der Hub nach und nach weitere Datensilos im Land auflösen uns Inhalte zentral bündeln kann.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was war aus eurer Sicht wichtig für die erfolgreiche Umsetzung? Was habt ihr euch ggf. leichter/schwerer vorgestellt?

Alle Partner sind überzeugt, dass es sich um ein Projekt von zukunftsweisender Bedeutung handelt. Die Vielfältigkeit innerhalb eines Bundeslands und die damit verbundenen unterschiedlichen Wünsche zu berücksichtigen ist dabei nicht immer leicht!

TNRW: Wichtig war für unser Team immer der intensive Austausch und der iterative Ansatz im Projekt. Wir haben uns Stück für Stück in das Projekt vertieft (…) ohne zu sehr dogmatisch und voreingenommen zu sein. Schwierig ist es die Heterogenität in unserem Land zu meistern, alle Wünsche unter einen Hut zu bringen.

TMB: Entscheidend ist ein langer Atem und die Berücksichtigung der regionalen und lokalen Bedürfnisse. (…) Zudem ist es wichtig, dass das Basissystem sehr flexibel ist, um die regionalen oder lokalen Bedarfe abzudecken (…)

TMGS: Zunächst einmal sind wir immer noch überwältigt und sehr glücklich über die von Beginn an positive Resonanz im Land auf unser Projekt. Auch, wenn natürlich allen bewusst ist, dass sehr viel gemeinsame Arbeit darin steckt. Darüber hinaus können wir vor allen Dingen resümieren, dass ein enger Austausch mit allen beteiligten Akteuren essentiell für den Erfolg des Projekts ist. Diese Einbeziehung der Partner ist mindestens genauso wichtig wie der technische Aufbau und die Bereitstellung der Infrastruktur. Denn diese nützt recht wenig, wenn nicht alle bereit sind, diese als gemeinschaftliches Projekt zum Leben zu erwecken!

TMN: Wir sind froh, dass wir in diesem Jahr schon so viel erreicht haben, die Resonanz der Partner so positiv ist und der Niedersachsen Hub nach und nach wächst. Besonders wichtig für die weitere erfolgreiche Umsetzung sind ein kontinuierlicher Austausch mit den verschiedenen Akteuren und eine bedarfsgerechte Informationsaufbereitung. (…) Eine der größten Herausforderungen bisher waren die sehr heterogenen Datenstrukturen und die System-Landschaft in unserem Land. (….)

Das Interview ist Bestandteil unseres neuen, frisch gedruckten tourism.report.
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